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Author: nicola
Posted: 18. March 2009 - 12:03 Uhr
Subject: Was ist aus Virginie Reibel geworden?
Liebe Filmemacher,

wir haben uns gestern Ihren tollen Film per DVD angesehen. Er hat uns sehr gut gefallen und vor allem sehr berührt. Wir haben die sehr schönen Bilder und die tolle Musik einfach nur genossen. Sir Simon Rattle ist ein unglaublich sympathischer, kluger Mann und Dirigent, um den wir hier in Deutschland so froh sein können und dem man stundenlang zuhören könnte. Der Film hat aber auch sehr viel vom Leben erzählt. Gemeinsam als Gruppe etwas so "übersinnliches" zu erschaffen, was als erstklassiger Musiker das schönste der Welt sein muss. Wir können so etwas ja nur erahnen. Aber, was mich auch berührt hat, und was leider wohl auch für das Leben steht, war das Thema der Gruppe: des Dazugehörens, sich Respekt verschaffen, keine Schwäche zeigen, der Kampf des Durchsetzens und der ewige Leistungsdruck. Leider ist mir dabei die etwas tragische Geschichte der Picolloflötenspielern, was ja mit dem Film auch gnadenlos öffentlich gemacht wurde, etwas nahe gegangen. Wir haben uns nach dem sehr nüchternen Abspann gefragt, was aus ihr geworden ist. Es war eine gnadenlose Niederlage für Sie. Obwohl sie wahrscheinlich eine erstklassige Musikerin ist, die außerdem einen sehr sympathischen, sensiblen Eindruck machte. Was ist mit der sozialen Gruppe, die zusammenhalten will und den ein oder anderen mitziehen will und kann? Viele Musiker schilderten davon, dass es anfangs schwierig war, und eher einem Kampf glich. Muss man das dann auch nach unten weitergeben? Dieser emotionale Nebenschauplatz des wunderbaren Films fand ich im nachhinein etwas erschreckend und enttäuschend, weil es doch in der Musik so viel um Sensibilität und Gemeinschaft gehen sollte! Da passte das Zitat des Cellisten doch sehr gut, dass es im Grunde doch nur um Leistungswille und -fähigkeit, Anerkennung und vor allem die eigene Karriere geht. Das ist traurig. Ist es doch ein Spiegelbild unserer egoistischen Leistungsgesellschaft, in der die Herzenskälte siegt und es für die Sensiblen keinen Platz gibt. Man könnte die Leistung auch anders bringen – mit einem menschlicherem Umgang und Miteinander. (darin steckt so viel mehr Potential) Was ist aus V. Reibel geworden? Es wäre einfach schön gewesen etwas mehr darüber zu erfahren, weil sie uns ja schließlich den ganzen Film begleitet hat. Vielleicht, dass die Niederlage auch etwas Gutes hatte, oder dass sich dafür eine neue Tür öffnete? Das sind ja nur Vermutungen, die wir ihr aber von Herzen wünschen. Bitte verstehen Sie die Kritik nicht falsch. Wir fanden den Film wunderbar, nur das wäre das emotionale i-Pünktchen gewesen, der den Film und das Thema warmherziger gemacht hätte. Gerade wenn der Film sich auch an Schüler wendet, sollte das ein Thema sein – vor allem in den heutigen Zeiten.

Liebe Grüße,
Nicola


Author: Christian
Posted: 18. March 2009 - 15:03 Uhr
Subject: Was ist aus Virginie Reibel geworden?
Interessant. Ich habe die Geschichte von Virginie ganz anders erlebt und im Kontext auch anders bewertet.

Das Orchester braucht - wie die Gesellschaft - starke Individuen, die ihren Platz - ihren Klang - behaupten können. In diesem Fall würde das Orchester sich gefährden, wenn es aus menschlicher Sympathie "weicher" wird und vermeintlich "liebevoller" mit neuen Kollegen umgeht. Natürlich geht es um Gemeinschaft. Aber um eine Gemeinschaft unter Gleichen. Wer diesem enormen Druck und Anspruch nicht standhält - aus seinem Leben nicht das nötige Gleichgewicht mitbringt - gefährdet das ganze Orchester. Es steht oder fällt mit dem schwächsten Glied. Wer hier vordergründig mehr soziale Nestwärme fordert, gefährdet letztlich das gesamte Fundament der Berliner Philharmoniker - einer Gemeinschaft, die sich für Leidenschaft und Exzellenz zusammengefunden hat. Das ist nicht Kälte, sondern ein gemeinsames Ziel, in dem alle gemeinsam Erfüllung finden.

Virginie hatte den Mut, sich dieser Herausforderung zu stellen. Sie hat selbst erkannt, dass sie dem Druck nicht gewachsen ist, das wurde in den Interviews deutlich. Es war keine Niederlage - es war eine Lebenserfahrung: Dies ist nicht ihr Weg, nicht ihre Umgebung. Wäre sie aus Nesthäkchen-Motiven dabeigeblieben, hätte sie selbst unter der Überforderung und das Orchester unter einer nicht optimalen Besetzung gelitten. Das hat nichts mit Gesellschaftsromantik zu tun - es wäre der Anfang vom Ende.

Ich fand die Absage schlicht einfach nur ehrlich. Sie hat ihr neue Wege eröffnet und neue Erkenntnisse über die Musik, die in ihr schlummert. Ihr Weg liegt nicht bei den Berliner Philharmonikern - und sie hätte sich vielleicht niemals dort wohlgefühlt. Jetzt kann sie ihr Talent in anderen Spiel-Räumen einsetzen, die ihr näher liegen. Das erzählt nichts über ihr Talent, ihre Möglichkeiten - aber viel über die Persönlichkeit und Eigenstabilität. DAS war das eigentlich intime an dieser Offenbarung: Es ging nicht um das Talent, sondern um den Umgang mit Druck unter extremen Bedingungen.

Christian (auch nur ein Zuschauer)
Author: nicola
Posted: 18. March 2009 - 21:03 Uhr
Subject: Was ist aus Virginie Reibel geworden?
Danke Christian für den Perspektivwechsel, der meinen Horizont erweiterte. Das ist eine sehr positive, reife Sicht der Dinge, die ich in meiner jugendlichen Kritik an der Leistungsgesellschaft so nicht hatte.
Natürlich gibt es das ein oder andere, was ich einhaken könnte, aber es gibt auch vieles, was ich bisher so nicht gesehen habe und wo ich aber unbedingt Recht geben möchte. Ausführen würde zu weit führen. Das einzige, was ich aber noch kurz sagen will: Trotz aller Chancen, die in Kritik, Scheitern und Selbsteinsicht liegen, glaube ich, dass so eine intensive Arbeit mit seinem Instrument und sich selbst, sehr, sehr eng mit dem eigenen persönlichen ICH verknüpft ist. Und dass es trotz aller Professionalität und Ehrlichkeit von einer Gruppe abgewiesen zu werden, sehr niederschmetternd sein kann. Die Frage, was sie sich wünscht für die Zukunft, und in welche Richtung ihr Weg weitergegangen ist, wäre aber am Schluss ganz schön gewesen, auch wenn es nur zwei Sätze im Abspann gewesen wären. Ist meine Meinung. So blieb es eine mir zu kurze Randbemerkung und hält zu unnötigen Spekulationen an. Aber ich finde es sehr erfrischend, dass Du alles aus der positiven Perspektive gesehen hast! Das hat gut getan, danke…
nicola
Author: Christian
Posted: 19. March 2009 - 00:03 Uhr
Subject: Was ist aus Virginie Reibel geworden?
Hoppla. Ich merke grade, dass ich es gar nicht mehr gewohnt bin, in Internetforen offene Diskussionen mit aufgeschlossenen Menschen zu führen. Diese Diskussion hat mir geholfen, meinen eigenen Standpunkt und mein Filmverständnis auf die Probe zu stellen (und zu vertiefen!). Dafür Danke ich :)

Und Du hast Recht: Ein Satz zu Virginie (oder zwei) hätten die Sache rund gemacht und ihre "Rolle" von dem Beigeschmack befreit, schlicht Statistin für den elitären Anspruch der Berliner Philharmoniker zu sein. Es hätte auch in Erinnerung gerufen, dass ein "Nein" des Orchesters keine Aussage über Talent oder Können ist. Wer zur Probe dabei ist, gehört eh schon zur Elite; egal, ob mit oder ohne Vertrag.
Author: Stefanie
Posted: 05. September 2009 - 01:09 Uhr
Subject: Was ist aus Virginie Reibel geworden?
Ich habe heute abend "Trip to Asia" im ZDF gesehen und möchte zustimmen, daß sicher jeder, der zu einer Probezeit bei den Berliner Philharmonikern eingeladen wird, ein exzellenter Musiker ist. Gleichgültig, ob dann am Ende der Probezeit entschieden wird, ob derjenige zum Orchester passt oder nicht.
Virginie Reibel, die ja hier einige interessiert, ist momentan Mitglied des Orquestra de la Comunitat Valenciana im Palau de Les Arts in Valencia, Spanien. Der Musikdirektor dort ist Lorin Maazel.

Stefanie
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